Allgemein09.06.2015

Wird Fassadendämmung in den Medien schlechtgeredet?

Kontroverse Debatten gehören zum Wesen einer Demokratie. Folgerichtig werden große und wichtige Themen wie die geplante Energiewende in den Medien unter den verschiedensten Aspekten beleuchtet und auch hinterfragt. Auffallend jedoch ist eine über Jahre andauernde, kritische Betrachtung einer einzelnen, aber sehr wichtigen Maßnahme der energetischen Sanierung: die der Fassadendämmung. Ist da etwas grundlegend schief gelaufen oder ist das nur Zufall? Der Versuch einer Interpretation.

These 1: Technische Produkte sind erklärungsbedürftig. Dies gilt umso mehr, wenn ihre Funktion und Wirkung nicht offen ersichtlich sind. So auch bei der Fassadendämmung.

Von außen betrachtet unterscheidet sich eine gedämmte Fassade nur wenig von einer herkömmlich verputzten und damit allgemein bekannten Fassade. Was aber verbirgt sich dahinter? Welche Bestandteile wirken wie zusammen? Lauern unter Putz, Armierung und Dämmung vielleicht irgendwelche Risiken?

Längst nicht bei allen technischen Produkten werden diese Fragen gestellt. Kaum jemand weiß wirklich, wie sein Computer in seinen Einzelbestandteilen funktioniert, warum das Flugzeug in dem er sitzt, sich sicher in der Luft hält und was eigentlich im Inneren eines digital gesteuerten Automotors faktisch passiert. Bei der Fassadendämmung ist das anders. Warum?

Ein Haus ist der Schutz vor der Umwelt und der Außenwelt mit all ihren Einflüssen, die wir meist als unangenehm empfinden: Kälte, Nässe, rauer Wind und einiges mehr. Es ist die „Burg“ gegen Fremdes, Unangenehmes und Bedrohliches. Also liegt uns unser Haus sehr am Herzen, viel näher als ein PC oder ein Verkehrsflugzeug und selbst das Auto. Es ist unser direktes, oft lebenslanges Umfeld, unser Zuhause und oft auch unsere Heimat. Da wollen wir wissen, wie es beschaffen ist und dabei keinerlei Überraschung dulden.

Und deshalb stoßen Nachrichten, die bedrohlich daherkommen, auf weit mehr als nur auf großes Interesse. Sie mutieren zu tief empfundener Sorge. Da hilft es kaum, wenn rationale Argumente just das Gegenteil belegen – wie eben bei der Dämmung. Die einmal empfundene Angst vor diesem oder jenem hat bereits ihre Spuren hinterlassen und zeigt nachhaltig Wirkung.

These 2: Klimawandel und steigende Umweltbelastungen sind nur abstrakt wahrgenommene Szenarien. Veränderungen im persönlichen Umfeld dagegen sind nahe und direkt empfundene Eingriffe.

Kaum eine Nation nimmt Klimawandel so ernst wie die Deutschen. Folglich müsste die Energiewende hierzulande offene Türen einrennen – tut sie aber nicht. Unser Erleben klimatischer Besonderheiten beschränkt sich auf außergewöhnliche Einzelereignisse wie Hochwasser, Tornados oder ausgefallene weiße Weihnachten. Der Klimawandel wird längst nicht als permanente Bedrohung des eigenen Lebensraums empfunden, und selbst langsam schmelzende Gletscher sind im Urlaub oder via TV-Reportage eine eher bedauerliche Randerscheinung. CO2? Bodenerosion? Borkenkäfer? Meist ziemlich weit weg. Es gilt daher, Auswirkungen eines bislang eher unbekannten Phänomens fassbar zu machen.

Das gelingt viel leichter mit vertrauten Bedrohungs-Szenarien. Ob diese nun Feuer, Algen (igittt!) oder Schimmel (noch mal igitt und UNGESUND!) heißen. Die will man auf keinen Fall im Haus haben, viel weniger als den schmelzenden Gletscher im Urlaubsparadies oder den absaufenden Eisbären in der Arktis. „My home is my castle!“ – um den Eisbären kümmert sich der wwf.

These 3: Medienwirksam aufbereitete Einzelereignisse werden als potenziell permanente Bedrohungen deklariert und geraten ins Fadenkreuz öffentlicher Empörung.

Auch wenn von jährlich rund 180.000 Hausbränden in Deutschland nur rund eine Handvoll in direktem Bezug zu einer gedämmten Fassade stehen, erweckt schon ein einziger TV-Bericht über ein singuläres und in jeder Hinsicht außergewöhnliches Brandereignis den Eindruck allgegenwärtiger Bedrohung. Beispiel Frankfurt: Hier brannte die noch unverputzte Fassade eines Hochhauses, nachdem ein direkt vor der gedämmten Fassade stehender Müllcontainer Feuer gefangen hatte. Diese Begleitumstände wurden in den Berichterstattungen bestenfalls am Rande erwähnt. Ausführlich gezeigt wurde dagegen ein sich großflächig an der Außenseite ausbreitender Brand.

Da Feuer bei uns allen zu den gefürchteten Elementarereignissen zählt, reagieren wir auf derartige Bilder zuvorderst mit Angst und naturgemäß weniger mit purer Ratio. Weniger drastisch, aber ebenfalls eindringlich sind Bilder von unappetitlichem Schimmel oder Algen, die bei gedämmten Fassaden nur nach Planungs- oder Montagefehlern nennenswert vorkommen. Was unserem Empfinden und dem Anspruch an Ordnung und Sauberkeit zuwider läuft, brennt sich nachhaltig ins Gedächtnis. Ebenso wie alle negativen Empfindungen eine viel längere Halbwertszeit haben als Eindrücke, die einen Normalzustand bestätigen.

These 4: Medien ergreifen von Natur aus eher Partei für einen Einzelnen und dessen vermeintlicher Wehrlosigkeit gegenüber staatlicher oder wirtschaftlicher Übermacht („David-gegen-Goliath-Prinzip“).

Mal provokativ gefragt: Wird in einer Gemeinderatssitzung über den neuen Spielplatz diskutiert und fünf ausgewiesene Experten legen dar, warum diese Einrichtung wichtig, richtig und nützlich ist und dass keinerlei Grund zur Sorge besteht, und nur eine einzelne ältere Dame mit ihrem Enkel auf dem Arm sagt:  „Aber ich hab solche Angst!“ – wen befragen hinterher alle anwesenden Reporter? Und generell: Wenn ein neuer Supermarkt oder ein Kindergarten gebaut werden soll – wer findet in der Presse üblicherweise eher Gehör: die Projektbefürworter oder die Gegner?

Wer seine Ablehnung kundtut, gibt damit seine Betroffenheit, seine Wut oder seinen Ärger preis. Oft werden diese Emotionen noch gesteigert, sieht sich der Betreffende in einer benachteiligten oder gar aussichtslosen Lage. Dann setzt bei manchem Medienvertreter eine Art Beschützerinstinkt ein, in dem man sich zum Anwalt des Betreffenden („Gegen die da oben!“) macht und seiner Stimme eine Bühne gibt.

Dahinter steckt nicht zuletzt auch wirtschaftliches Kalkül: Die Betroffenheit lässt sich meist leicht von einem größeren Leser- oder Zuschauerkreis nachempfinden und schafft so ein Gemeingefühl zwischen dem Medium und seinem Publikum. Dieser Effekt stärkt nicht zuletzt die Akzeptanz und damit die Wirtschaftlichkeit eines Mediums („Die tun was für mich / für uns!“). Als Rächer der Gerechten machen Tages- und Wochenzeitungen schlicht bessere Auflage denn als vermeintliches Sprachrohr von Industrie oder Politik.

These 5: Stehen wirtschaftlich Beteiligte im Verdacht, an einem Projekt zum Gemeinwohl zu verdienen, schmälert dies ihr Renommee. Dann will man ihnen „auf die Finger sehen“.

Sie tauchen so regelmäßig auf wie der Montag in der Folge der Wochentage: Begriffe wie „Milliardenmarkt“, „Millionengeschäft“, „Xstellige Profite“ und Ähnliches. Energetische Gebäudesanierung ist aus mehreren Gründen eine notwendige und nützliche Maßnahme. Neben der Einsparung an Primärenergie und einem erheblich besseren Wohnklima sind es vor allem ökologische Aspekte, die unter dem übergeordneten Ziel der Energiewende die tragende Säule sind. Sind Unternehmen, deren Produkte nun nachweislich zum Schutz der Umwelt beitragen, nun anders zu behandeln als Firmen, die Autos, Zigaretten oder Waschmittel herstellen? Anscheinend ja. Denn der Öko-Vorreiter mischt sich unmittelbar in das Gemeinwohl ein und steht so unter besonders strenger Beobachtung.

Da passt es vielen nicht ins Bild, wenn mit diesem umfassenden Ansatz und dem Ziel, die Gesellschaft vor schädlichen Auswüchsen zu bewahren, auch Profite erzielt werden. Viel lieber sähe man gerade Öko-Vorreiter in erster Linie als non-profit-Organisationen, die ausschließlich dem Gemeinwohl verpflichtet sind, weil sie ja mit der Allen zur Verfügung stehenden (Um-)Welt ihr Geschäft betreiben. Dass dieser Wunsch so gut wie nie erfüllbar ist, wird gerne verdrängt, im Bewusstsein und auch in der Darstellung der Medien.

So geraten diese Unternehmen schnell in die Rolle, sie würden von der Klimakatastrophe und somit vom Leid der Menschen auch noch profitieren. Das kommt gar nicht gut an. Vergessen wird dabei, dass nur Profit und Gewinn die Grundlage für Forschung und Entwicklung just jener Produkte sind, mit deren Hilfe wir etwa schädliche Umwelteinflüsse wenigstens teilweise abmindern können.

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