Ökologie16.02.2015

Drohen uns WDVS-Müllberge?

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In den letzten 50 Jahren wurden in Deutschland über 900 Millionen Quadratmeter Dämmplatten in Wärmedämm-Verbundsystemen an Hausfassaden verarbeitet – und täglich werden es mehr. Kritiker befürchten in Zukunft riesige Abfallberge, wenn die WDV-Systeme irgendwann mal entsorgt werden müssen. Eine aktuelle Recycling-Studie sieht die Sache entspannter.

Bei rund 80 Prozent der Fassadendämmstoffe handelt es sich um expandiertes Polystyrol (EPS), besser bekannt unter dem ehemaligen Markennamen „Styropor“. Zu den Kritikern dieses Materials gehört auch „natur“-Autor Michael Brüggemann. In der Magazin-Ausgabe vom Dezember 2014 (auch nachzulesen auf der Website der ”Süddeutschen”) bemängelt er insbesondere, dass man altes EPS nicht recyceln, sondern nur verbrennen könne. Denn die Platten enthalten das Flammschutzmittel HBCD, das mittlerweile als toxisch eingestuft wird. Da der Einsatz von HBCD ab August 2015 nicht mehr erlaubt ist, verbietet sich künftig auch das Recycling von belasteten Dämmstoffen. Brüggemann befürchtet daher, dass bald „Laster den Sondermüll quer durchs Land karren müssen“, um ihn zu weit entfernten Müllverbrennungsanlagen zu bringen.

Die aktuelle Studie „Rückbau, Recycling und Verwertung von WDVS“ sieht dagegen für die kommenden Jahrzehnte keine Entsorgungsprobleme. Das Fraunhofer-Institut für Bauphysik (IBP) und das Forschungsinstitut für Wärmeschutz (FIW) haben gemeinsam die zu erwartenden Mengen rückgebauter EPS-Fassaden berechnet und mögliche Methoden für deren Verwertung analysiert. Fazit: Aufgrund der langen Lebensdauer der WDV-Systeme sind die aktuellen Rücklaufmengen sehr gering, und auch die Prognosen bis 2050 zeigen, dass die zu verwertenden Mengen in bestehenden Müllheizkraftwerken problemlos thermisch verwertet, d. h. zur Energiegewinnung verbrannt werden könnten.


Aufgrund der HBCD-Problematik halten auch die Forscher die thermische Verwertung derzeit für die sinnvollste Methode. Bei der Verbrennung wird das Flammschutzmittel zerstört und das enthaltene Brom als Salz in der Abgasreinigung aufgefangen. Die Autoren verweisen aber auch darauf, dass es bereits heute technisch möglich ist, sogar HBCD-belastete Dämmstoffe sicher zu recyceln. Beim sogenannten „CreaSolv“-Verfahren wird das EPS mit einem Lösemittel verflüssigt. Anschließend lässt sich das Flammschutzmittel vom Polystyrol trennen, das dann wieder neu verwertet werden kann. Einziger Haken: Die Methode ist bisher aufgrund der geringen Abfallmengen noch nicht wirtschaftlich einsetzbar.

In vielen Fällen ist allerdings der Rückbau von alten Dämmsystemen praktisch gar nicht notwendig. Meist ist das Material nämlich keineswegs marode, sondern erfüllt nur in der gegebenen Dämmstoffdicke nicht mehr die aktuellen energetischen Anforderungen. In solchen Fällen favorisieren die Autoren der Recycling-Studie ausdrücklich die Ertüchtigung alter WDV-Systeme, indem man diese mit einer zusätzlichen Dämmstofflage „aufdoppelt“.

Häuser mit solchen aufgedoppelten Wärmedämmungen erfüllen auch heutige Einsparvorgaben problemlos.

Und was meinen Sie? Werden uns künftig die WDVS-Müllberge „über den Kopf wachsen“? Halten Sie die Situation für gefährlich und unkalkulierbar? Dann klicken Sie „Stimme ich zu“. Oder glauben Sie, dass die Entsorgungsfrage letztlich gut zu händeln sein wird. Dann klicken Sie „Stimme ich nicht zu“.

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