Wirtschaftlichkeit10.04.2015

Rechnung mit Unbekannten: Ist Wärmedämmung noch wirtschaftlich?

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Der Rohölpreis sinkt - wird dadurch die Wärmedämmung unwirtschaftlich? Zu dieser Schlussfolgerung mag in letzter Zeit mancher Presseartikel verleiten. Doch die Autoren übersehen dabei wesentliche Faktoren oder rechnen falsch. Wärmedämmung lohnt sich in jedem Fall - meist auch im Geldbeutel, und das nach überschaubarer Frist.

Für Hausbesitzer ist es zunächst eine gute Nachricht: Im Herbst letzten Jahres haben die Welthandelspreise für Rohöl zum Sturzflug angesetzt und sich erst im ersten Quartal 2015 wieder nennenswert erholt. Eigentlich hätten auch die Gaspreise in ähnlichem Ausmaß sinken müssen, waren diese doch bisher eng an den Ölpreis gekoppelt. Doch der Gaspreis blieb zum Leidwesen vieler Mieter und Eigentümer relativ konstant und die Heizkosten mit Gas entsprechend hoch.

Hohes Preis- und Währungsrisiko

Aber auch Heizöl wurde vor allem außerhalb des Euroraumes billig. Da Öl weltweit in US-Dollar gehandelt wird, der Euro gegenüber dem Dollar binnen sechs Monaten jedoch mehr als 30(!) Prozent an Nennwert eingebüßt hat, wurden die niedrigen Ölpreise bei uns durch den teuren Dollar zu einem großen Teil kompensiert. Und der Preistrend zeigt, nicht zuletzt wegen der weltweit zahlreichen politischen und militärischen Krisenherde, wieder deutlich nach oben. Wer also bei seiner Entscheidung für oder gegen eine energetische Sanierung mit langjährig günstigen Ölpreisen kalkuliert, hat sich womöglich schon bald verrechnet. Dies auch, weil der Kurs des Euro nach der Geldflut der Europäischen Zentralbank (EZB) noch weiter sinken dürfte, was erneut den Ölpreis treibt.

So sehr wir uns also im Augenblick über relativ niedrigere Energiepreise freuen können, eine verlässliche Grundlage für oder gegen eine Entscheidung zur Wärmedämmung sind sie nicht. Die Energiepreise, zunehmend von Börsen und Spekulanten getrieben, reagieren immer empfindlicher auf geopolitische und kriegerische Szenarien. Und dies in der Regel nach oben. Dann bleiben die vehement vorgetragenen Berechnungen der Dämm-Kritiker nicht mehr als Momentaufnahmen.

Dämmen lohnt sich nicht nur wirtschaftlich

Für eine fachgerechte und qualitativ hochwertige Dämmung im Wärmedämm-Verbundsystem (WDVS) sprechen viele gute Gründe. Bleiben wir aber bei der so oft angeführten Wirtschaftlichkeit. Die Kosten für ein durchschnittlich großes Einfamilienhaus mit 150 Quadratmetern zu dämmender Außenwände beginnen nach der „dena-Sanierungsstudie. Teil 2. Wirtschaftlichkeit energetischer Modernisierung in selbstgenutzten Wohngebäuden” (über 300 sanierte Objekte) der Deutschen Energie-Agentur (dena) bei etwa 18.000.- Euro. Die dabei ermittelten ca. 124 Euro Kosten pro Quadratmeter WDVS sind sog. Vollkosten, umfassen also alle Kosten, die bei einem WDVS anfallen: von der Vorbereitung des Untergrunds über die Materialkosten bis hin zu Arbeitslöhnen und Kosten für das Gerüst.

Der Preis für die energierelevanten Maßnahmen fällt wesentlich niedriger aus, wenn man die Sanierung im Zuge von Arbeiten durchführt, die ohnehin zur Instandhaltung des Gebäudes nötig sind. Wenn also beispielsweise das Dach saniert wird, sollten die Außenwände gleich mit gedämmt werden. Dann fallen etwa Gerüstkosten nur einmal an. Nicht in der Gesamtrechnung berücksichtigt sind hier auch Zuschüsse und zinsgünstige Darlehen nach den jeweiligen Förderprogrammen von Bund und Ländern.

Nach wievielen Jahren genau ein WDVS sich durch die bloße Einsparung von Heizkosten rechnet, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Zum Beispiel davon, wieviel Wärme vor der Sanierung allein über die Fassade ungenutzt in die Atmosphäre entwichen ist. Oder davon, wieviele kalte Räume schon allein deswegen geheizt werden mussten, um im ganzen Haus eine nötige Grundwärme zu erzeugen, ohne die selbst geheizte Räume schnell wieder auskühlen. Als Faustregel gilt: Bei einem alten, gänzlich ungedämmten Haus stellt die Wärmedämmung mit die wirtschaftlichste Sanierungsmaßnahme dar, die sich auch im Geldbeutel absehbar rechnet. Bei einer Berechnung auf Grundlage der energiebedingten Mehrkosten (wie oben beschrieben) liegen sie meist im Bereich ein- bis niedrig zweistelliger Jahreszahlen.

Werterhalt und “Wohlfühl”-Klima als entscheidende Argumente

Doch für viele Hausbesitzer gibt es neben der reinen Einsparung von Heizkosten ebenso wichtige weitere Gründe zur energetischen Sanierung. Zum einen der höhere Wiederverkaufswert und der Werterhalt einer Immobilie. So fordert der Gesetzgeber seit einiger Zeit bereits für den Fall eines Immoblienverkaufs Nachweise zur energetischen Bilanz und zu den transparenten Verbrauchswerten eines Hauses. Käufer achten heute viel mehr auf einen niedrigen Energieverbrauch und darauf, dass später die Heizkosten nicht aus dem Ruder laufen.

Für eine nachträgliche Wärmedämmung spricht nicht zuletzt der Wohlfühlfaktor. „Höhere Behaglichkeit” ist eines der schlagkräftigsten Argumente, die für eine nachträgliche Dämmung des Gebäudes sprechen. Dabei geht es nicht nur um eine angenehm empfundene Wohnumgebung, sondern nicht zuletzt auch um gesundheitliche Aspekte. Hohe Gegensätze bei Raumtemperatur und Feuchtigkeit sind schließlich auch ein Auslöser für akute und chronische Beschwerden oder Krankheiten.

Welche Sanierungs-Maßnahme zu welcher Zeit und Lebenslage anzuraten ist, weiß allein der Fachmann. Unser Tipp: Ziehen Sie rechtzeitig (auf alle Fälle vor einem Antrag auf Förderung oder Zuschuss!) einen qualifizierten Energieeffizienz-Experten hinzu. Und wenn Sie in Sachen Wirtschaftlichkeit ganz sicher gehen wollen, fragen Sie auch Ihren Bankberater. Der kennt Sie und Ihre individuelle Lebenssituation meist am besten.

Doch was meinen Sie? Werden die Rohölpreise wieder steigen und bleibt Wärmedämmung im Großen und Ganzen und auf lange Sicht betrachtet trotz allem wirtschaftlich? Dann stimmen Sie mit „JA”! Oder werden sich die niedrigen Preise halten und die Amortisationszeiten verlängern? Dann stimmen Sie mit „NEIN”.

NEIN”.

 

 

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Diskussion

Wärmedämmung war noch nie wirtschaftlich

In dem oben stehenden Link zu Amortisationszeiten einer Wärmedämmung, die nur in ein- bis niedrig zweistelligen Jahreszahlen liegen soll, werden meines Erachtens viel zu hohe Einsparungen angesetzt. So wird z.B. die geschätze Einsparung für ein EFH mit 120 m2 BJ 1919-1948 mit 2.250 EUR angegeben. Wir besitzen so ein Haus, BJ 1936, ungedämmt, und zufällig 120 m2. Die Heizkosten betragen ca. 1800 EUR und sind somit niedriger als die geschätze Einsparung.
Wenn man die dort genannten Einsparungen in kWh umrechnet und dann durch die Wohnfläche von 120 m2 teilt, erhält man die Einsparung pro m2. Diesen Wert kann dann jeder mit seinem Jahresverbrauch pro m2 vergleichen und sich überlegen, ob das wirklich realistisch ist.
Eine Wärmedämmung erhöht zweifelslos den Wohnkomfort und spart tatsächlich auch Heizenergie, aber nicht so viel, um die Investitionskosten in angemessener Zeit zu erwirtschaften. Die tatsächlichen Amortisationszeiten bei Altbauten liegen nach meiner Berechnung je nach Entwicklung der Energiepreise eher im Bereich von 20 bis 30 Jahren.

19.02.2016 – 21:16 Uhr
Robert Antworten

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